Shamonda-Virus (SHAV)

Fieber, Durchfall, deutlich weniger Futteraufnahme und plötzlich weniger Milch: Seit diesem Sommer tritt bei Milchkühen in Deutschland ein neues Krankheitsgeschehen auf. Ursache ist das Shamonda-Virus, kurz SHAV. Anfang August 2026 wurde der Erreger erstmals vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bei erkrankten Rindern in Süddeutschland nachgewiesen. Seitdem schreitet die Ausbreitung weiter voran.

Für Milchviehhalter ist jetzt vor allem eines wichtig, auffällige Veränderungen in der Herde früh zu erkennen und richtig einzuordnen.

Was wissen wir bereits über shamonda?

Das Shamonda-Virus (SHAV) gehört zu den Orthobunyaviren der sogenannten Simbu-Serogruppe. Zu dieser Gruppe gehört auch das bereits bekannte Schmallenberg-Virus.

Das 2026 in Europa aufgetretene Virus wird vom FLI als Shamonda-Virus/DE/2026 bezeichnet. Es ist eng mit Shamonda-Viren verwandt, die bereits seit den 1960er-Jahren aus Afrika und Asien bekannt sind. Die aktuell in Europa zirkulierende Variante weist allerdings genetische Unterschiede zu diesen älteren Virusstämmen auf.

Übertragen wird Shamonda durch Gnitzen der Gattung Culicoides – also sehr kleine blutsaugende Insekten. Auf demselben Übertragungsweg verbreiten sich beispielsweise auch das Schmallenberg-Virus und die Blauzungenkrankheit. Eine direkte Übertragung von Kuh zu Kuh steht deshalb nicht im Vordergrund. Entscheidend für die Ausbreitung sind die Gnitzen und deren Flugaktivität. Nach aktuellem Kenntnisstand stellt Shamonda kein relevantes Infektionsrisiko für den Menschen dar.

Wie weit hat sich Shamonda bereits ausgebreitet?

Die Entwicklung geht derzeit schnell.

Das FLI bestätigte Mitte August Infektionen bei Rindern unter anderem in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen und rechnet mit einer weiteren Ausbreitung. Der Tiergesundheitsdienst Bayern berichtet inzwischen ebenfalls über gesicherte betroffene Betriebe in weiteren Regionen. Am 26. August 2026 meldete der Kreis Höxter zudem den ersten amtlich bestätigten Shamonda-Nachweis in Nordrhein-Westfalen. Dort wurde das Virus bei drei Rindern eines Betriebes festgestellt. Auch außerhalb Deutschlands breitet sich Shamonda aus. Nachweise gibt es unter anderem in Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden. In der Schweiz war das Virus Mitte August bereits in 17 Kantonen sowie im Fürstentum Liechtenstein nachgewiesen worden.

Es ist daher damit zu rechnen, dass in den kommenden Wochen weitere Regionen und Milchviehbetriebe betroffen sein werden.

Welche Symptome verursacht Shamonda bei Milchkühen?

Das bislang beobachtete Krankheitsbild ist relativ auffällig, aber nicht spezifisch für Shamonda.

Typische Beobachtungen sind:

  • zunächst Fieber, teilweise über 40 °C, für 1-2 Tage
  • Durchfall
  • deutlich reduzierte Futteraufnahme
  • Mattigkeit oder Apathie
  • teilweise weitere unspezifische Symptome
  • deutlicher Rückgang der Milchleistung

Entscheidend ist die Kombination aus individuellem Leistungsverlauf, Futteraufnahme, Allgemeinbefinden, Körpertemperatur und weiteren klinischen Symptomen. Diese sind meist nach wenigen Tagen vorbei. Da das Virus über den Vektor, also nicht von Tier zu Tier, übertragen wird, kann sich die Krankheit innerhalb der Herde natürlich über mehrere Wochen halten.

Gerade im Sommer besteht die Gefahr, einen Leistungseinbruch zunächst dem Hitzestress zuzuschreiben. Deshalb lohnt sich der genauere Blick: Fallen mehrere Tiere innerhalb kurzer Zeit deutlich in der Milch ab und kommen gleichzeitig Fieber, Fressunlust oder Durchfall hinzu, sollte Shamonda als mögliche Ursache mitgedacht werden.

Was können wir jetzt tun?

  • Gnitzenkontakt soweit praktikabel reduzieren: Wie schon bei BTV können Repellentien bzw. zugelassene Insektizide für Rinder zur Insektenabwehr eingesetzt werden. Die Übertragung durch den Vektor, die Culicoides-Gnitzen, macht eine vollständige Verhinderung schwierig bis unmöglich.
  • Leistungsdaten beobachten: Verdächtig ist weniger ein einzelner niedriger Milchwert als die Kombination aus einem ungewöhnlich schnellen individuellen Milchrückgang, verminderter Futteraufnahme bzw. Aktivität, Fieber >40 °C und gegebenenfalls wässrigem Durchfall. Gerade bei laktierenden Kühen fällt das derzeit am stärksten auf. Bei solchen Tieren sollte zeitnah die Körpertemperatur gemessen und der Tierarzt informiert werden.
  • Akute Tiere schnell beproben lassen: Die Virämie des Shamonda-Virus ist nur kurz. Für einen direkten Virusnachweis sind deshalb nur Tiere interessant, die gerade akut klinisch erkrankt sind. Der Erreger kann mittels PCR aus Blut von den Landeslaboren nachgewiesen werden. Ein Antikörpertest existiert nicht.
  • Erkrankte Kühe konsequent unterstützen: Eine spezifische Therapie gegen das Shamonda-Virus gibt es derzeit nicht; behandelt wird symptomatisch. Praktisch bedeutet das insbesondere, Fieber, Flüssigkeitsverlust und reduzierte Futteraufnahme ernstzunehmen. Gleichzeitig sollten zusätzliche Stressfaktoren wie Hitzestress so weit wie möglich vermieden werden.
  • Trächtige Tiere und spätere Kalbungen dokumentieren: Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt für die kommenden Monate. Bei verwandten Simbu-Viren können Infektionen während bestimmter Entwicklungsphasen des Fetus zu Missbildungen führen. Beim Rind gilt ungefähr die 8.–14. Trächtigkeitswoche als besonders vulnerables Fenster; für die neue Variante SHAV/DE/2026 ist aber noch nicht bewiesen, wie groß dieses Risiko tatsächlich ist. Deshalb ist es jetzt sinnvoll zu dokumentieren, welche Tiere während des aktuellen Geschehens in diesem Trächtigkeitsstadium waren. Spätere Aborte, Totgeburten oder missgebildete Kälber sollten gezielt diagnostisch untersucht werden. Das FLI fordert ausdrücklich zu dieser Aufmerksamkeit auf.

Unsere Empfehlung:

Fallen innerhalb kurzer Zeit mehrere Kühe deutlich in der Milchleistung ab und zeigen gleichzeitig Fieber, Fressunlust oder Durchfall, sollten die Tiere zeitnah tierärztlich untersucht werden. Gerade zu Beginn eines Bestandsgeschehens kann eine gezielte Diagnostik helfen, Klarheit zu schaffen.

Die Erkenntnisse zum Shamonda-Virus entwickeln sich derzeit schnell weiter. Wir aktualisieren unsere Einschätzung, sobald neue belastbare Daten zu Krankheitsverlauf, Trächtigkeitsrisiko oder Präventionsmöglichkeiten vorliegen.

Update: Zwei Shamonda-Varianten zirkulieren in Deutschland

Neue Sequenzanalysen des Friedrich-Loeffler-Instituts zeigen, dass das aktuelle Shamonda-Geschehen in Deutschland nicht auf eine einzige Virusvariante zurückgeht.

  1. Die seit Juli vor allem in Süddeutschland sowie in der Schweiz und Frankreich nachgewiesene Variante, die zunächst als Shamonda-Virus/DE/2026 bezeichnet wurde, heißt nun Shamonda-Virus Europe 1 (SHAV-EU1).
  2. Zusätzlich hat das FLI eine genetisch eindeutig unterscheidbare zweite Variante nachgewiesen: Shamonda-Virus Europe 2 (SHAV-EU2). Entsprechende Proben stammen bislang von Rindern aus Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Thüringen.

 

Nach Einschätzung des FLI handelt es sich um zwei voneinander unabhängige Einschleppungs- und Ausbreitungsereignisse, deren Verbreitungsgebiete sich in einigen Bundesländern bereits überschneiden. Alle drei Genomsegmente von SHAV-EU2 unterscheiden sich von SHAV-EU1. Noch offen ist, ob eine durchgemachte Infektion mit einer Variante einen ausreichenden Kreuzschutz gegen die andere Variante vermittelt. Auch Unterschiede hinsichtlich Krankheitsverlauf oder Bedeutung für tragende Tiere sind derzeit nicht belegt. Für die Praxis ändert sich deshalb zunächst wenig: Entscheidend bleiben die frühzeitige Erkennung klinisch auffälliger Tiere und eine gezielte diagnostische Abklärung.